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Warum du deine Angst ansehen musst, um sie loslassen zu können

Warum du deine Angst ansehen musst, um sie loslassen zu können

04Jan

Angst ist heimtückisch. Sie schlingt ihre Klauen um unser Herz, hält uns gefangen und raubt uns die Fähigkeit, am Leben teilzunehmen. Sie hindert uns an Dingen, die für andere selbstverständlich sind. Wie eine Bestie richtet sie sich in uns ein und alles, was wir wollen ist, sie schnellstmöglich wieder loszuwerden.

Ich war dreiundzwanzig, als sie mich gefangen nahm. Dreiundzwanzig, als ich aus der S-Bahn stieg und mein Herz anfing zu rasen. Siebenhundertfünfzig Meter hämmerte es in meiner Brust, bis ich endlich die Wohnung erreichte. Ich weiß noch, wie stark meine Finger zitterten, als ich den Schlüssel ins Schloss schob und wie ich drei Stockwerke später von innen gegen die Tür sackte. Zitternd. Mit Tränen in den Augen. Und kaum noch atmen konnte.

Der Ursprung der Angst

Wenn Angst sich in unser Leben drängt, verstehen wir nicht, woher sie kommt oder warum sie uns quält. Sie kommt uns willkürlich vor. Doch das ist sie nicht. Ganz im Gegenteil.

Angst schärft unsere Sinne. Sie beschleunigt den Herzschlag, verschafft uns eine schnellere Reaktionszeit. Sie hilft, uns zu fokussieren. Vor Jahrtausenden gab sie unseren Vorfahren damit die Möglichkeit, angemessen auf Bedrohungen zu reagieren. Sie sicherte unser menschliches Überleben.

Heute müssen wir uns weder vor gefährlichen Tieren schützen, noch ums nackte Überleben kämpfen. Unsere Welt hat sich verändert, ist nicht mehr voller Gefahren – doch unser Körper reagiert noch immer wie damals.

Angst ist nicht grundlos da. Sie ist die Funktion deines Körpers, um dich und deine Integrität zu wahren. Sie will dich schützen. Manchmal vor greifbaren Gefahren, manchmal vor jenen, die er als solche einstuft – bewusst und unbewusst.

Wie wir Angst loswerden – und wie nicht

Am Anfang glauben wir oft, wir müssten unsere Angst einfach nur ignorieren. Wir denken, wenn wir ihr kaum Bedeutung zumessen, würde sie verschwinden und wir könnten weitermachen, wie bisher. Doch weil das nicht funktioniert, erklären wir ihr den Krieg.

Wir reden uns ein, dass wir uns nur richtig ins Zeug legen müssen, um sie loszuwerden.

Wir strengen uns an und konfrontieren uns mit angstmachenden Situationen.

Wir halten aus und kämpfen, immer wieder und immer mehr.

Doch ganz egal wie stark wir uns auch anstrengen, ganz gleich, wie oft wir es versuchen: Sie bleibt und nicht selten wird sie sogar schlimmer.

Der Radius, in dem ich mich bewegen konnte, schrumpfte rasant. Erst schaffte ich es nicht alleine irgendwo hinzufahren dann nicht mehr die Straße herunterzulaufen, um in den Supermarkt zu gehen. Am Ende konnte ich nicht mal mehr die Tür öffnen, wenn es klingelte.

Drei Jahre hatte ich Angst. Jeden Tag. Vor allem und jedem. Und es dauerte, bis ich begriff, was ich in tun musste, um sie loszuwerden.

Drei Dinge, die du gegen Angst tun kannst

1. Lerne deine Angst kennen

Lerne deine Angst kennen. Erforsche sie. Denn wenn du sie erforschst, kannst du anfangen, sie zu verstehen.

Was macht die Angst in dir?
Wie fühlt sie sich an?
Welche Gedanken kreisen in deinem Kopf?
Was für Gefühle begleiten sie?
Was sagt sie zu dir?

Angst ist nicht immer gleich. Mal ist sie schlimmer, mal aushaltbarer. Mal nimmt sie uns vollkommen ein, mal schaffen wir es, in ihr rational zu reagieren.

2. Begib dich auf Spursuche

Die Gefahren unserer Vorfahren waren konkret und eindeutig. Es waren offensichtliche Situationen, in denen Angst auf den ersten Blick Sinn ergab. Es waren Gefahren, die einordbar waren.

Heute ist das anders.

Die Gefahren heute sind versteckter und nicht immer zu erfassen. Und doch gibt es immer einen Grund, warum unser inneres Alarmsystem anspringt. Denn Angst hat nicht nur einen (biologischen) Sinn, sondern einen Grund und damit auch einen Ursprung.

Deshalb lerne sie nicht nur kennen, sondern folge ihrer Spur. Durchleuchte die Situationen, in denen sie dich lähmt. Finde heraus, was sie dir sagen will.

Auch meine Angst wollte mich schützen: Vor Blicken, die ich nicht aushielt. Vor Nähe, die eine Bedrohung darstellte. Vor Fremden, die jederzeit ihr wahres Gesicht zeigen konnten. Davor, ein weiteres Mal Opfer zu werden. Vor dem Gefühl, ausgeliefert zu sein und mich wieder nicht wehren zu können. Sie hatte ihren Ursprung in all meinen unverarbeiteten, traumatischen Erfahrungen.

3. Hör auf, gegen deine Angst zu kämpfen

Kampf funktioniert nicht. Du kannst deine Angst nicht loswerden, indem du sie bekämpfst. Sie verschwindet nicht, nur weil du das unbedingt willst.

Deshalb mach sie zu deiner Verbündeten.

Erlaub ihr, an deiner Seite zu sein.
Nimm sie ernst, wenn sie da ist.
Werte dich und sie nicht ab, nur weil du rational keinen Grund findest, warum sie plötzlich auftaucht.
Erinner dich daran, dass sie dich nicht hindern und stören will, sondern beschützen.
Erkenn das an.
Spüre hin.
Und dann arbeite mit ihr.

Angst geht dann, wenn wir sie ansehen

Erst, als ich mich mit meinen Erinnerungen und dem Schmerz auseinandersetzte, wurde die Angst weniger.
Ich wusste lernen, das kleine Mädchen anzusehen, dass hilflos und alleine gewesen war und auf der Suche nach Liebe an die falschen Menschen geraten war.
Ich musste lernen, mich der Ohnmacht zu stellen, die sexuelle Übergriffe mit sich bringen. Den Bildern, die dort in meinem Kopf lauerten und mich am Leben hinderten.
Ich musste erkennen lernen, dass ich nicht mehr hilflos bin. Mir eine Umgebung schaffen, in der ich mich sicher fühlen konnte.

[bctt tweet=“Uns mit der Angst auseinanderzusetzen und ihre Gründe zu erkennen, gibt uns erst das Werkzeug an die Hand, um effektiv mit ihr zu arbeiten.“ username=““]

Wir müssen sie verstehen lernen. Denn erst, wenn wir das tun und wissen, warum sie da ist, können wir anfangen, die Schritte gemeinsam mit ihr zu gehen. Und sie schließlich loszulassen.

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