Im Schreiben einen sicheren Hafen inmitten von Depressionen und Angstzuständen finden: Darüber berichtet Jenny im Schreiberfahrungen Interview.

#Schreiberfahrungen – Schreiben bedeutet sich mitzuteilen
Für Rosa ist das Schreiben eine Möglichkeit, all das auszudrücken, was ihr auf der Seele brennt. Wie sie den Weg zum Schreiben gefunden hat und welche wichtige Botschaft sie für uns mitbringt: Davon erfährst du im Schreiberfahrungen Interview.
Schreib darüber - ein Interview mit Rosa Ananitschev über ihre Schreiberfahrungen
Drei Worte, die dich am besten beschreiben:
Zurückhaltend, harmoniebedürftig, ehrlich.
Schreiben bedeutet für mich ...
... aus mir selbst herauszukommen, die Möglichkeit zu haben, mich mitzuteilen und das auszusprechen, was mir auf der Seele brennt, was mich beschäftigt.
Reden ist nicht so meins, besonders in einer mir wenig vertrauten Gesellschaft; da schweige ich lieber.
»Mein Reden ist mein Schreiben« lautet ein kleines Zitat aus meinem Text »Wer bist du?« Es ist zum Teil scherzhaft gemeint, doch weitestgehend stimmt das.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Das ist eine längere Geschichte und dafür muss ich ein wenig ausholen.
Zuallererst wage ich zu behaupten, dass mir die literarischen Fähigkeiten quasi in die Wiege gelegt worden sind.
Allerdings hatte ich in meiner alten Heimat eine geringe Chance, sie richtig zu entwickeln, außer in der Schule die besten Aufsätze zu schreiben – in Russisch, versteht sich. Was die deutsche Sprache betrifft, so waren meine Eltern zwar deutscher Nationalität, sprachen aber unterschiedliche Dialekte, da ihre Vorfahren aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands stammten.
Wir Kinder hatten so unsere Schwierigkeiten damit. Außer Haus und in der Öffentlichkeit wurde ohnehin meist Russisch gesprochen.
Obwohl ich Deutsch als Fremdsprache in der Schule hatte, war ich, als ich 1992 nach Deutschland kam, mit dem Hochdeutsch nur so weit vertraut, dass ich mich einigermaßen verständigen konnte.
1993 nahm ich an einem sechsmonatigen Deutschunterricht für Aussiedler teil, wo sich die Geschichte aus meiner Grundschulzeit wiederholte, als ich meinen ersten Aufsatz schrieb und zum ersten Mal erkannte, wie aufregend es war, mit Worten zu spielen.
Meine Leidenschaft für das Schreiben, die nach der Schulzeit nur noch vor sich hin geschlummert hatte, erwachte erneut zum Leben. Überraschst stellte ich fest, dass ich mich auch in Deutsch relativ gut ausdrücken konnte.
Der Sprachlehrerin fielen meine schriftlichen Arbeiten auf und sie riet mir, eine Schreibwerkstatt der VHS zu besuchen, wo ich auch einige Semester lang mitmachte. Es war eine bereichernde Erfahrung.
Was mich jedoch bremste: Oft sollten die Kurs-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen bereits in der laufenden Stunde einen Text zum vorgegebenen Thema verfassen.
Etwas, dass für mich problematisch war, weil ich stets etwas mehr Zeit zum Überlegen, zum Formulieren, zum Gestalten benötigte. Unter Zeitdruck ging das schlecht.
Deshalb gab ich das Schreiben wieder auf. Es vergingen Jahre und ich rechnete nicht damit, dass die Schreiblust jemals wieder zu mir zurückkehren würde.
Doch 2010 machte ich eine Entdeckung, die alles veränderte.
Ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen: An einem dienstfreien Samstag (genau genommen war es der 4. Dezember) hatte ich mich gleich nach dem Frühstück auf die Suche nach günstigen Downloads für meinen neu erworbenen E-Book-Reader gemacht. Dabei stieß ich auf eine Plattform namens BookRix und stellte verblüfft fest, dass man dort nicht nur kostenlos E-Books lesen, sondern auch eigene veröffentlichen konnte.
Das war es!
Ohne lange zu zögern, registrierte ich mich, erstellte ein Profil und legte los. Es lief wunderbar und nach etwa einer Stunde war mein erstes eigenes E-Book fertig.
Es war nur ein kleines Gedicht mit dem Titel »Unsicher?«, aber ich war unheimlich stolz auf mich selbst.
Mit was für Problemen kämpfst du/hast du gekämpft und (wie) hilft dir Schreiben dabei?
So manches aus der Vergangenheit hatte und habe ich zu verarbeiten: nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch das Schicksal meiner Eltern und Großeltern, die unter dem kommunistischen Regime und unter Stalins Diktatur sehr gelitten haben.
Ihre Traumata sind ein schweres Erbe und werden mich niemals loslassen.
Ich war ein stilles, depressives Kind. Erst in Deutschland, im Alter von über fünfzig Jahren, begannen in mir Erinnerungsfetzen und Flashbacks aus dem Unterbewusstsein aufzusteigen, und ich begriff den Grund meiner Depression.
Bis dahin ahnte ich nicht einmal, dass die kleine Rosa als Fünfjährige sexuell missbraucht worden war. Diese Entdeckung war ein gewaltiger Schock für mich, und zunächst wollte ich sie für mich behalten.
Ich war überzeugt, dass keiner etwas davon erfahren durfte.
Doch hätte ich geschwiegen, wäre ich daran zerbrochen.
Und zum Glück habe ich das schnell erkannt, genauso wie ich erkennen konnte, dass ich eine wunderbare Waffe besitze, um die Dämonen der Vergangenheit zu bekämpfen: Die Kraft des Wortes, des Schreibens.
Wie nutzt du das Schreiben am liebsten? / Was schreibst du?
Seit 2016 besitze ich eine Homepage mit eingebundenem kleinem Blog und einen persönlichen Blog. Dort veröffentliche ich meine Texte.
Überwiegend sind es Gedanken zu einem bestimmten Thema, Erinnerungen und Autobiografisches, gelegentlich auch Kurzgeschichten, Elfchen oder Drabbles.
Manchmal versuche ich mich auch an Gedichten, aber die sind dann nicht ernst gemeint und erheben keinen literarischen Anspruch.
Ich schreibe meistens, wenn mir etwas einfällt, das ich mit anderen teilen möchte oder auch einfach so, für mich.
Darüber hinaus gibt es zwei Bücher von mir: Zum einen die Novelle »Andersrum*«, in der es um Kindesmissbrauch geht, zum anderen das autobiografische Buch »In der sibirischen Kälte*«.
Außerdem habe ich mich an mehreren Anthologien und Almanachen beteiligt.
Was ist das Schwierigste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?
Das Schwierigste ist für mich, die richtigen Worte zu finden. Ich überlege oft zu viel hin und her.
Einfach so losschreiben, wie das viele tun, kann ich nicht.
Ich drehe einen Satz oder Absatz mehrfach herum, formuliere ihn neu und bin dann doch nicht immer mit dem Ergebnis zufrieden.
Das liegt daran, dass mir die Praxis fehlt. Ich hätte viel früher mit dem Schreiben anfangen müssen, doch in der ersten Hälfte meines Lebens sprach ich eine andere Sprache, leider.
Trotzdem bin ich mit mir zufrieden, weil ich es geschafft habe, meine Werke einem Publikum zugänglich zu machen und sogar Interviews zu führen.
Was ist das Schönste / Bereichernste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?
Das Schönste ist zum einen gerade dieser Prozess des Entstehens, das Spiel mit den Worten und Sätzen, das Herumprobieren.
Wenn ich dann beim letzten Durchgehen des Geschriebenen den Eindruck habe – jetzt ist es gut, so kann es bleiben – dann bin ich ein Stück glücklich. Genauso wie ich es gerade bin.
Zum Anderen beschert mir ein gelungener Text ein wunderbares Gefühl der Freiheit; besonders, wenn er persönlich oder autobiografisch ist. Dann wird meine Last weniger.
An dieser Stelle würde ich gern ein Zitat aus meinem autobiografischen Buch einbringen:
Es ist faszinierend, wie man ein einfaches, farbloses, unbedeutendes Stück Papier zum Atmen bringen kann. Ein weißes Blatt Papier … Nun ist es nicht mehr unberührt weiß. Bedeckt mit schwarzen Schriftzeichen, hat sich das einst ausdruckslose Blatt auf wundersame Weise verändert. Freude und Trauer, Sehnsucht und Liebe, Schmerz und Hoffnung wurden diesem Papier eingedrückt, haben ihm magische Kraft verliehen.
Es war einmal ein weißes, nichtssagendes Blatt Papier. Jetzt ist es ein kleines, lebendiges Stückchen meiner Seele.
Zitat aus: in der sibirischen Kälte
Obwohl dieses Zitat sich nicht auf virtuelles Blatt am Computer bezieht, sondern auf echtes Papier, sind das Ergebnis und die Emotionen die gleichen – sie verlieren keinesfalls an Kraft.
Gibt es Hobbys und Dinge, die du tust, wenn du nicht schreibst?
Zugegebenermaßen schreibe ich in der letzten Zeit weniger. Das hat seine (verschiedenen) Ursachen. Vor einiger Zeit fing ich an, meine Texte ins Russische zu übersetzen, doch dieses Vorhaben liegt momentan auf Eis.
Es widerstrebt mir irgendwie, in dieser Sprache zu schreiben, obwohl die Sprache selbst nicht für ihre Verwendung durch ein diktatorisches Regime verantwortlich ist.
Da muss ich wohl noch an meinen Einstellungen arbeiten.
Sonst helfe ich nach Möglichkeiten meiner Frau in ihrem Gardinen-Atelier, lese, höre gern Musik, neuerdings auch Hörbücher.
Ich telefoniere jeden Tag mit meiner elf Jahre älteren Schwester, die in Berlin im Pflegeheim lebt und viel seelische Unterstützung und Zuspruch braucht.
Was treibt dich an?
Auf meinem Blog steht als Logo: »Besonders glücklich bin ich aber, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.«
Diese Worte von Sei Shōnagon entdeckte ich schon vor vielen Jahren in einem Büchlein mit Zitaten bekannter Schriftsteller. Davon fühlte ich mich sofort angesprochen.
Und in einem Blogartikel, der sich um die Frage dreht: »Gibt es ein Zitat, nach dem du dein Leben lebst oder an das du oft denkst?«, habe ich meine Antwort unter anderem auch als Gedicht formuliert (ohne jegliche lyrischen Ambitionen, versteht sich):
Solch ein besonderes Zitat
gibt es in der Tat.
Vor Jahren hat es mich berührt,
seine Wahrheit habe ich gespürt.
Diese Worte, dachte ich,
sind geschrieben, wie für mich.
Wenn meine Lieben glücklich sind,
dann macht das Leben richtig Sinn.
Doch geht es einem schlecht,
dann fehlt auch mir die Freude … echt.
Wir Menschen sind dafür geschaffen,
um zu leben, lieben, lachen.
Das Glück auf Erden zu verbreiten -
darin dürfen wir nicht scheitern.
Es ist so einfach, braucht nicht viel,
nur Menschlichkeit, Fürsorge, Empathie.
Wir zusammen sind die Kraft
und besitzen alle Macht!
Um das Leben zu erleichtern,
müssen wir die Hand einander reichen.
Gedicht von Rosa Ananitschev
So viel zum Lebensmotto.
Beim Schreiben treiben mich meine Gedanken an und meine Gefühle leiten mich.
Ob das Endergebnis dadurch gut ist oder doch über die Stränge schlägt, kann ich dann manchmal nicht richtig einschätzen.
Gelegentlich stoppt mich meine Frau, wenn die Emotionen mit mir durchgehen.
Gibt es etwas, dass du Anderen gerne mitgeben möchtest?
Mit Tipps zum Schreiben kann ich weniger dienen, oft benötige ich selbst welche.
Impuls fürs Leben? Auch das ist schwierig – jeder meistert sein Leben so gut er kann. Man darf nur die Menschlichkeit nicht verlieren, nicht nur eigene Wünsche erfüllen, sondern auch die Mitmenschen im Blick haben.
Ein Thema möchte ich noch ansprechen: den Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch. Ich weiß, wie schwer es für die Betroffenen ist, darüber zu reden, was ihnen Schlimmes angetan wurde, als sie noch klein waren, was sie ertragen mussten.
Viele schweigen aus Angst, aus Scham, oder weil sie sogar sich selbst die Schuld geben; sie versuchen, alles zu vergessen und zu verdrängen.
Doch wenn wir schweigen, wie erfährt die Welt von den Gräueltaten?
Wer bestraft die Verbrecher?
Wer setzt sich für die Wehrlosen ein?
Wenn wir schweigen, verraten wir auch die Kinder in uns – die, die wir einmal waren, ihre Würde, ihre Tapferkeit, mit der sie es geschafft haben, das Unfassbare zu überstehen und zu überleben.
Sie brauchen uns!
Sie brauchen unseren Schutz und unsere Hilfe.
Lassen wir sie nicht im Stich!
Ü B E R
(c) Rosa Ananitschev - 1954 in einem kleinen Dorf in Westsibirien geboren, kam Rosa mit 38 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Deutschland. Nach ihrer Trennung im Jahr 1997 fand sie ihr persönliches Glück in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Bis zu ihrem Ruhestand Ende 2019 arbeitete sie mit Leidenschaft als Bibliothekarin.
Ü B E R
(c) Rosa Ananitschev - 1954 in einem kleinen Dorf in Westsibirien geboren, kam Rosa mit 38 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Deutschland.
Nach ihrer Trennung im Jahr 1997 fand sie ihr persönliches Glück in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.
Bis zu ihrem Ruhestand Ende 2019 arbeitete sie mit Leidenschaft als Bibliothekarin
Du hast Lust bekommen, ebenfalls über deine Erfahrungen mit dem Schreiben zu berichten? Perfekt!
Dann meld dich gern über das Kontaktformular bei mir oder schreib eine Mail an: kontakt@seelenschreiberei.org
This heartfelt story moved me deeply. Rosas journey from trauma to healing through writing is inspiring. Her vulnerability and resilience shine through, making her words resonate powerfully.
Absolutly! It is so wonderful, that Rosa tell her story. Thanks for your comment.
Danke sehr für das so wertvolle Feedback!
Thank you very much for the valuable feedback! 🧡
Best regards,
Rosa