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Schreiberfahrungen Schreiben bedeutet sich Gefühlen stellen

#Schreiberfahrungen – Schreiben bedeutet sich Gefühlen zu stellen

08Aug2021
Ricarda ist nicht nur Fantasy-Autorin, sondern kämpft auch mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. Schreiben hilft ihr, sich ihren Gefühlen zu stellen.

Schreib darüber - ein Interview #11 mit Ricarda Winkler über ihre Schreiberfahrungen



Drei Worte, die dich am Besten beschreiben:

Sensibel, ehrgeizig, Kopfmensch


Schreiben bedeutet für mich ...

mich meinen Gefühlen zu stellen. Sie bewusst zu durchleben, damit sie nicht mich kontrollieren, sondern ich sie. Zeitgleich in eine Welt abzutauchen, in der ich mich wohlfühle, unkontrolliert und frei.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Durch meinen heutigen Ehemann. Ich habe ihm vor 10 Jahren von meinen inneren Dämonen erzählt. Das erste Mal, dass ich jemanden so tief in mich hineinblicken habe lassen. Ich erzählte ihm von meinen Tagträumereien, die mich immer dann einholten, wenn die Angst wieder mein Leben beherrschte. Er sagte mir, ich solle meine Träume einfach aufschreiben. Genau das tat ich und tue es heute noch. Regelmäßig liegt er abends neben mir und ich lese ihm meine neusten Werke vor. Es ist unsere Art zu kommunizieren.


Mit was für Problemen kämpfst du/hast du gekämpft und (wie) hilft dir Schreiben dabei?

Ich leide heute unter den Folgen einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung mit schweren Angst- und Panikattacken. Das sind die Folgen jahrelanger schwerer körperlicher Misshandlungen in meiner Familie.

Mein Vater ist ein Schläger. 18 Jahre hat er meine Mutter regelmäßig verprügelt, vergewaltigt und versucht zu vergiften. Es kam schnell der Tag, an dem meine Mutter mich vorschickte – die Älteste zweier Kinder. Somit wurde ihre tägliche Pein zu meiner. Sexuell hat er mich nie angefasst, aber das musste er auch nicht. Die Schläge und Demütigungen haben ausgereicht, um mich nicht nur in der Familie zum Opfer werden zu lassen, sondern auch in der Schule. 11 Jahre habe ich diesen Alptraum durchleben müssen, bis meine Mutter es schaffte sich zu trennen. Doch auch nach der Scheidung ging der Terror weiter. Statt mich zu prügeln, drohte er mir mit einer Waffe meine Mutter zu erschießen. Das traurige an der Geschichte ist, ich habe geredet nicht geschwiegen. Doch niemand weder Lehrer, noch Eltern anderer Kinder haben geholfen. Selbst das Gericht hat ihm damals noch Rechte eingeräumt. Es war schlimmer als jeder Faustschlag ins Gesicht.

Ich schreibe, wenn es mir seelisch schlecht geht. Immer dann, wenn meine Gefühle, allem voran die Angst, mich wieder einholt. Ich kann dann nicht klar denken, lasse mich von meiner Angst kontrollieren. Das ist genau der Punkt, der nicht sein sollte. Angst ist ein Gefühl und nichts Schlimmes. Sie warnt mich lediglich. Um mir bewusst zu werden, dass ich nicht ausgeliefert bin, schreibe ich. Nur so kann ich objektiv betrachten und erkennen, dass das was gerade um mich herum geschieht, gar nicht so schlimm ist, wie gedacht.


Wie nutzt du das Schreiben am Liebsten? / Was schreibst du?

Ich schreibe Fantasy Romane. Die Charaktere in meinen Romanen durchleben meine Gefühle. Dementsprechend geht es oft sehr brutal zu. Es hilft mir zu verarbeiten, zu fühlen und zu verstehen, was mit mir gerade passiert. Meine besondere Art der Therapie.


Was ist das Schwierigste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?

Mich in meinem Werken nicht selbst zu verlieren. Das Leben um mich herum nicht vollkommen auszublenden. Schreiben ist wie eine Droge. Einmal abgetaucht und das Freiheitsgefühl genossen, ist es verdammt schwer sich davon wieder zu lösen.


Was ist das Schönste / Bereichernste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?

Ich habe durch das Schreiben gelernt, die positiven Dinge im Leben viel intensiver wahrzunehmen. Seitdem sehe ich die Welt mit ganz anderen Augen. Das Blatt eines Baumes ist nicht mehr einfach nur Orange im Herbst. Man könnte es beschreiben mit Magie. Diese Einstellung belebt mich und gibt mir neuen Mut.


Gibt es Hobbys und Dinge, die du tust, wenn du nicht schreibst?

Die gibt es. Ich habe zwei Hunde und betreibe aktiv Hundesport im Turnierbereich. Vor gut 4 Wochen ist von meinem Rüden die Tochter bei uns eingezogen. Neben dem Hundesport ist ein großer Traum von mir – eine kleine aber feine Hundezucht.


Was treibt dich an?

In erster Linie mein Mann und unsere beiden Kinder. Für sie kämpfe ich jeden Tag aufs Neue. Mittlerweile aber auch ich mich selbst. Ich möchte das Leben genießen, die Vergangenheit ruhen lassen, und die Welt entdecken und meine Träume leben.


Gibt es etwas, dass du Anderen gerne mitgeben möchtest?

Ich möchten allen Menschen dort draußen Mut machen. Häusliche Gewalt ist kein Zuckerschlecken. Habt keine Scheu euch Hilfe zu holen oder auch Hilfe anzubieten. Es reicht ein Sofa für die Nacht, dem Hilfesuchenden das Gefühl geben, er/sie ist nicht allein. Die Betroffenen haben oft nicht den Mut, selbst den ersten Schritt zu gehen. Unterstützt sie! Sie werden es euch danken. Vielleicht nicht sofort, aber es wird der Tag kommen. Mit jedem abgewendeten Blick wird eine weitere Seele zerstört. Macht euch das bewusst und sucht das Gespräch.

Es ist absolut keine Schande, sich einzugestehen, wenn man Hilfe braucht. Im Gegenteil es beweist unheimlich viel Mut und Stärke. Ich selbst bin 20 Jahre nach dem Erlebten, in Therapie gegangen und es war das Beste was mir jemals passieren konnte. Seitdem lebe ich nach diesem Motto:


Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum. Nur du weißt was du willst und stehe dafür ein, denn auch du bist etwas Besonderes!

Über

 (c)   Ricarda Winkler ist Autorin.


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