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#Schreiberfahrungen – Schreiben bedeutet Freiheit

29Aug2021
Sandra Schmitt hat Mobbing und seine Folgen am eigenen Leib erfahren. Für sie bedeutet Schreiben nicht nur Freiheit, sondern auch ein Ventil.

Schreib darüber - ein Interview #14 mit Sandra Schmitt
 über ihre Schreiberfahrungen



Drei Worte, die dich am Besten beschreiben:

Einfühlsam, ehrlich, tollpatschig.


Schreiben bedeutet für mich ...

Abschalten vom Alltag und abtauchen in meine eigene Welt. Vor allem bedeutet es für mich aber auch Freiheit. Ich kann mir eine Welt erschaffen, in der Menschen ihre gerechte Strafe für das bekommen, was sie anderen antun.

Wenn ich schreibe bin ich sehr schnell bei meinen Protagonisten. Ich fühle mit ihnen. Ich erlebe, was sie erleben und ich weine auch beim Schreiben. Aber ich freue mich auch mit ihnen, wenn etwas Gutes passiert. Es kann auch passieren, dass bei romantischen Szenen der ein oder andere glückliche Seufzer über meine Lippen kommt.


Und Schreiben ist für mich eine Art Therapie. Seit ich schreibe, kann ich Dinge besser aufarbeiten und bin auch mit mir selbst mehr im Reinen.


Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe tatsächlich in meiner Schulzeit schon angefangen Kurzgeschichten zu schreiben. Es muss in der Pubertät angefangen haben. So genau weiß ich das nicht mehr. Meine Schulzeit ist sehr verschwommen. Leider sind sie alle der großen Ausmist-Aktion von mir zum Opfer gefallen. Ich hatte irgendwann keine Geduld mehr, als ich den Dachboden ausgeräumt habe und ohne nachzusehen einfach alles in den Müll befördert habe. Heute bereue ich das sehr.

Ich weiß aber noch, dass meine Kurzgeschichten sich viel mit meinen Gefühlen beschäftigt haben. Es waren Geschichten über junge Mädchen, die stärker waren, als ich es damals sein konnte. Sie waren die Heldinnen, die ich gerne für mich selbst gewesen wäre.


Was mir auch noch sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, sind meine Schulaufsätze. Meine Lehrerin hat sich immer beschwert, dass sie so lang wären. Hat aber gleichzeitig gelobt, wie gut sie erzählt sind und das man merkt, wie viel ich in meiner Freizeit lese und auch schreibe.


Ich habe das Schreiben jedoch eine zeitlang aus den Augen verloren und es erst mit neunzehn oder zwanzig wieder für mich entdeckt. Mein erstes richtiges Skript liegt noch unvollendet in meiner Schublade. An dem Skript danach habe ich insgesamt acht Jahre geschrieben und es am Ende aber auch veröffentlicht.



Mit was für Problemen kämpfst du/hast du gekämpft und (wie) hilft dir Schreiben dabei?

Mobbing.
Die Pubertät kam und das Mobbing begann. Es begann mit Kleinigkeiten, die für mich aber wirklich schlimm waren. Denn die anderen Mädchen machten sich darüber lustig, dass ich als erste in der Klasse einen sichtbaren Busen hatte.
Man konnte mein Damenbärtchen sehen, hat sich über meine Augenbrauen kaputtgelacht oder rannte auf mich zu, blieb vor mir stehen, um mir dann in die Nase zu schauen und zu lachen, weil meine Nasenhaare zu sehen waren. Solche Dinge.


Aber ich erinnere mich auch an nasse Tafelschwämme, die mir übergeworfen wurden. An Turnschuhe, die man mir gegen den Kopf warf. Oder auch an Bezeichnungen wie „fettes Schwein“ als ich mit 65kg absolutes Normalgewicht hatte.

Meine Freunde, waren keine wirklichen Freunde. Doch das wurde mir erst spät klar. Es begann da auch mit Dingen, dass man versuchte mich immer auf eine Seite zu ziehen. Egal welche ich wählte bei einem Streit, es war die falsche. Ich war auch nie auf diese Zickereien oder Spielchen aus. Ich wollte nur eine gute Zeit mit meinen Freunden haben und das ein oder andere Buch lesen.


Es ging so weit, dass man mich einfach durch andere ersetzte, wenn neue in unseren Freundeskreis kamen. Aber immer wenn man mich als Deppen brauchte, holte man mich wieder dazu. Ansonsten wurde ich von Aktivitäten ausgeschlossen und es wurde getuschelt oder aufgehört zu reden, sobald ich dazu kam. In der Zeit habe ich auch angefangen Verlustängste zu entwickeln.


Ich habe mich auch nie wirklich einer Gruppe zugehörig gefühlt. Nirgends konnte ich ich selbst sein. Ich fühlte mich immer Fehl am Platz. Den einen war ich zu laut, den anderen zu leise. Ich war zu langweilig, zu gesprächig, zu still, zu dünn, zu dick. Meine Augenbrauen nicht gezupft genug, anderen nicht geschminkt genug. Mit niemandem konnte ich über das reden, was mich wirklich beschäftigt hat. Tiefgründigere Dinge. Aber alle wollten immer nur Spaß haben und nichts über Probleme wissen.
Andere begannen damit, schlimme Dinge über meine Schwester und mich und das Verhältnis zu unserem Vater zu erzählen, so dass mein Vater in die Schule kommen und richtig Radau machen musste. Da hatte ich dann ein halbes Jahr Ruhe.


Doch in der zehnten Klasse ging es dann weiter. Eine meiner Klassenkameradinnen hatte es auf mich abgesehen. Ich weiß nicht mehr, was sie alles getan hat, weil ich aus Selbstschutz alles tief in mir verschlossen habe. Ich erinnere mich an die Hälfte meiner Schulzeit nicht mehr, weil es zu schlimm für mich war. Vieles ist nur noch verschwommen oder gar nicht mehr greifbar für mich.

Aber ich habe bis heute noch damit zu kämpfen. Wobei ich sagen muss, dass es mit den Jahren dank meiner Freunde und Familie immer besser geworden ist. Die Panikattacken haben nachgelassen und sind schon seit Jahren nicht mehr aufgetreten.


Womit ich bis heute noch nicht richtig umgehen kann, ist, wenn ich irgendwo bin und jemand tuschelt und lacht. Dann denke ich immer, es geht um mich. Auch wenn ich weiß, dass es wohl nicht so sein wird. Aber ich kann das nicht abschalten. Es ist so tief in mir verankert, dass ich mich immer unwohl fühle in der Öffentlichkeit, wenn ich irgendwo allein sitze und auf jemanden warte oder so.


Mein Selbstbewusstsein hat viel und lange gelitten. Ich habe es mir nach und nach erkämpft und ich kann mich auch endlich selbst lieben und akzeptieren, wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten. Aber es war ein langer und harter Weg.

Neben dem Mobbing kam dann auch noch des Öfteren sexuelle Vergehen dazu. Also dieses typische Catcalling, oder jemand tatscht mich einfach am Arsch an, während er an mir vorbeigeht.
In meiner Zeit als Bäckereifachverkäuferin gab es mal einen Security, der mich in die Ecke gedrängt und mir die Zunge in den Hals gesteckt hat. Diese Vorfälle und auch der Fakt, dass meine damalige große Liebe mich nach Strich und Faden verarscht hat, sind ein Grund für meine Vertrauensprobleme.
Zuletzt habe ich sechseinhalb Jahre in einer Automatenspielhalle gearbeitet.
 Die Arbeit dort hat mich nach und nach auch psychische krank und kaputt gemacht. Ich hatte Nervenzusammenbrüche, Panikattacken, Schlafstörungen. Der psychische Stress hat mein Immunsystem sehr angegriffen und ich war ständig erkältet.

Ich bin froh, dass das alles hinter mir liegt. Aber es hat mich geprägt.


Wie nutzt du das Schreiben am Liebsten? / Was schreibst du?

Ich schreibe Liebesromane, sowohl hetero als auch queer. Und wie oben schon erwähnt, nutze ich das Schreiben, um zu verarbeiten. Betrug und Vertrauensprobleme spielen oft eine Rolle in meinen Büchern, weil es mich eben sehr beschäftigt. Ich nutze das Schreiben als Ventil für alles, was in meinem Inneren ist und aber raus will. Mit meinen Büchern kann ich meine Gefühle und Gedankenwelt in die Welt hinaustragen.

Aber auch üble Nachrede wird thematisiert. Zum Beispiel in meinem Buch „Unerwartet Du“. Dort verbreitet jemand im Internet und in der Nachbarschaft Lügen über meine Protagonistin. Doch anders als ich damals, wehrt sie sich und geht damit zur Polizei.


Generell schreibe ich über Themen, die mich selbst betreffen/betroffen haben oder mich beschäftigen. Einfach, weil sie mich interessieren und ich es wichtig finde, darüber zu sprechen.


In „Unerwartet Du“ behandle ich auch noch die Themen Scheidung, Totgeburt und Fehlgeburt. Mein Roman „Kornblumensommer“ behandelt eine gewalttätige und toxische Beziehung.


„Eine letzte Chance“ ist mein erster Roman und dreht sich um die Themen Betrug und Vertrauensprobleme. Aber auch sexuellen Missbrauch.


Und meine letzte Veröffentlichung „Dein Licht in meinen Wolken“ dreht sich um diverse psychische Erkrankungen und wie der Halt einer liebenden Person helfen kann, sich selbst zu lieben und zu begreifen, dass man liebenswert ist. Vor allem geht es um Zusammenhalt und Unterstützung.


Was ist das Schwierigste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?

Tatsächlich das Kennenlernen der Protagonisten. Am Anfang ist da nämlich immer nur diese grobe Idee. Das sieht in meinen Notizen ungefähr so aus: A und B, Hawaii, Motorradunfall, Narben, Drama, Happyend.

Mehr notiere ich mir gar nicht. Das sind nur so Eckpunkte und ich denke mir dann immer: „Und weiter? Ich brauche mehr!“

Und dann auf einmal fangen sie an mit mir zu reden. Vorzugsweise wenn ich unter der Dusche stehe, gerade am Einschlafen bin oder Auto fahre. Und da ich aus Erfahrung weiß, dass ich es vergesse, wenn ich es nicht gleich notiere, habe ich mein Handy immer griffbereit, damit ich mir schnell eine Sprachnotiz machen kann.


Aber ja, das Kennenlernen der Protagonisten ist erst einmal schwierig, weil sie anfangs sehr zurückhaltend sind. Und dann ist da natürlich die Herausforderung, die Gefühle, Gedanken und Beweggründe richtig einzufangen und transportieren zu können. So, dass der Leser versteht und nachvollziehen kann, wieso mein Protagonist oder meine Protagonistin handelt, wie er/sie eben handelt.


Was ist das Schönste / Bereichernste beim Schreiben / im kreativen Prozess für dich?

Der Moment, wenn ich komplett in die Geschichte eintauche und mich aus der realen Welt ausklinke. Wenn es nur noch mich und meine Protagonisten gibt und wir gemeinsam auf Reisen gehen.
Alles mitzuerleben und mitzuleiden aber auch mich mit ihnen zu freuen oder mitzufiebern ist ein unglaubliches Gefühl. Und ja, dass ein oder andere Mal habe ich mich selbst in einen meiner Protagonisten verliebt.


Ich liebe einfach dieses Kribbeln, das mich erfasst, wenn ich abtauche und schreibe.


Gibt es Hobbys und Dinge, die du tust, wenn du nicht schreibst?

Früher habe ich viel gelesen, Keyboard gespielt und war im Tanzkurs (Standard-Tänze – da habe ich auch meine beste Freundin kennengelernt).

Mittlerweile lese ich kaum noch zum Spaß, die meiste Zeit lese ich Beta für andere Autoren. Ansonsten treffe ich mich gern mit meinen Freunden zu gemütlichen Spieleabenden oder wir gehen gemeinsam Essen. Und ich höre viel Musik. Ohne Musik kann ich mir mein Leben nicht vorstellen – wie beim Schreiben ebenfalls.


Was treibt dich an?

Das Wissen, dass ich gut in dem bin, was ich tue. Das ich meine Träume erreichen kann.
Vor allem dachte ich mir aber bei Fertigstellung meines ersten Romans: „Euch (meinen Mobbern) zeig ich’s!“


Auch wenn ich mir sicher bin, dass niemand von ihnen je ein Buch von mir gelesen hat und es je tun wird. Aber es ist eine Genugtuung ihnen mit jeder weiteren Veröffentlichung den imaginären Mittelfinger zu zeigen und zu beweisen, dass ich es eben doch kann.


Gibt es etwas, dass du Anderen gerne mitgeben möchtest?

„Du bist nicht zu alt und es ist nie zu spät!“

Dieses Zitat habe ich bei mir im Schlafzimmer als Postkarte hängen, weil es so perfekt passt. Man ist nie zu alt seine Träume zu leben und zu verwirklichen. Und es ist auch nie zu spät, noch mal eine ganz andere Richtung einzuschlagen.
Ich habe zum Beispiel mit 32 noch mal eine Ausbildung begonnen und diese Entscheidung keinen Tag bereut. Es ist beängstigend gewesen, auf jeden Fall. Aber es war unter anderem die beste Entscheidung meines Lebens. Ebenso mit meinen Büchern an die Öffentlichkeit zu gehen und nicht mehr nur für mich zu schreiben.
Du willst mit 50 endlich den Studiengang belegen, den du schon immer machen wolltest? Dann tu es. Leb deine Träume und mögen sie noch so klein erscheinen. Träume sind es wert, dass man dafür kämpft. Der Weg ist nicht immer leicht, aber er ist es wert.


Über

 (c)   Sandra Schmitt ist Autorin


Sara Pearson ist ihr Pseudonym.



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