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Die schmerzhafte Wahrheit über Psychotherapie Frau sitzt am Ufer denkt über ihre Therapie nach

Die schmerzhafte Wahrheit über Psychotherapie

22Mai2022

Psychische Probleme sind real. Und sie betreffen den Alltag vieler Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Doch während wir bei einem Herzinfarkt direkt medizinisch versorgt werden, sieht das nach einer traumatischen Erfahrung oder in einer schweren persönlichen Krise schon anders aus:

Es gibt mehr Menschen, die sich eine Therapie wünschen oder bräuchten, als verfügbare Therapieplätze.

Die Wartezeiten sind lang und umso stärker wir leiden, desto verzweifelter werden wir dabei.

Aber wir warten, ungeduldig und hoffnungsvoll, weil uns nichts anders übrig bleibt.

Denn ganz egal, wie lange es auch dauert, bis wir einen der begehrten Plätze ergattern können, eines steht fest: Psychotherapie ist der eine – und einzige – Weg, um seelisches Leiden zu beenden.

Oder etwa nicht?

Warum Psychotherapie nicht das Zaubermittel ist, zu dem es gemacht wird

Egal mit wem ich spreche; in welcher Facebook-Gruppe oder in welchem Forum ich lese, die meisten Menschen sind sich einig: Therapie ist und bleibt das Mittel der Wahl.

Die einzige Wahl, die wir eben haben, wenn wir psychisch krank sind.

Manchmal werden bestimmte Therapieformen in Zweifel gezogen, oft auch einzelne Therapeuten in Frage gestellt, aber das Vertrauen in Therapie an sich oder ihre Effizienz bleibt dabei fast immer eins: unangetastet.

Ich habe diese Diskussion schon sooft gelesen, dass man meinen könnte, ich wäre daran gewöhnt.

Doch jedes Mal, wenn wieder ein Coach in der falschen Facebookgruppe auftaucht und daraufhin fertig gemacht wird, weil er ohne therapeutische Ausbildung gar nicht in der Lage sein kann, zu helfen, dreht sich mir der Magen um.

Nicht, weil ich glaube, jeder Coach wäre automatisch gut oder finde, dass man allen, die Hilfe versprechen, auch rückhaltlos vertrauen könnte.

Nein.

Mir ist absolut bewusst, wie viele schwarze Scharfe dort draußen existieren und auch, dass die richtige Psychotherapie wahnsinnig viel Potenzial mit sich bringt.

Es ist viel mehr der Sockel, auf den wir Psychotherapie und ihre Wirksamkeit stellen, der mir Sorge bereitet.

Unser unerschütterliche Glaube an Spezialisten

In den allermeisten Bereichen unserer Gesellschaft bevorzugen wir Experten.

Wir rufen ausgebildete Handwerker, wenn wir ein Problem mit unserem Haus haben oder überlassen es studierten Fachkräften, unsere technischen Geräte zu reparieren.

Und natürlich sind Experten gut, immerhin haben sie uns mit ihrem geschulten Blick und ihrem Fachwissen einiges voraus.

Doch während uns klar ist, dass Menschen auch ohne Ausbildung zum Profi für dererlei Tätigkeiten werden können, gilt das für alles, was mit unserer Seele zu tun hat, nicht.

Denn dort, für sich, weit und breit allein auf weiter Flur, steht er: der Psychotherapeut.

Mit seinem studierten Fachwissen und seinem Verständnis für die menschliche Psyche ist er der Einzige, der in der Lage ist, uns helfen zu können.

Das kann kein Coach, kein Berater, kein Laie und am allerwenigsten sowieso wir selbst.

Doch wenn wir einen Therapeuten zum alleinigen Experten für seelische Gesundheit erklären, machen wir damit etwas Prekäres: Wir legen die Macht über unser Wohlbefinden einzig alleine in seine Hände.

Viel zu lange habe ich dasselbe getan.

Ich habe unzählige Jahre in dem unerschütterlichen Glauben verbracht, nur diese eine Therapie oder nur dieser eine Therapeut würde endlich alles gut machen können.

Mich retten.

Vor meinen Gefühlen, meinen Gedanken und damit auch vor mir selbst.

Der Gedanke, dass es nicht so sein könnte, kam mir überhaupt nicht in den Sinn.

Warum es so gefährlich ist, wenn Psychotherapie in unserem Kopf alternativlos ist

Viele von uns sind felsenfest davon überzeugt, alleine niemals etwas ausrichten oder wirklich verändern zu können.

Die Blockaden sitzen zu tief, die Gefühle sind zu intensiv und die Angst, mit all dem ganz allein zu sein, lähmt.

Doch obwohl es vollkommen in Ordnung ist, sich Hilfe zu wünschen, ist die Vorstellung vom alleinigen Experten für unsere psychische Gesundheit eben alles andere als fair.

Nicht dem Therapeuten gegenüber, der diese Verwandlung vom psychisch Kranken zum Gesunden unmöglich vollbringen kann, und auch nicht uns selbst gegenüber.

Weil Therapie kein Wundermittel ist und ein Psychotherapeut nicht der Stein der Weisen, den wir nur finden müssen, um unsere Seele endlich in Ordnung zu bringen.

Doch jedes Mal, wenn wir einem Psychotherapeuten für alternativlos halten, sprechen wir ihm nicht nur die alleinige Macht über unser seelisches Wohlbefinden zu, wir machen ihn damit auch zu einer Gottheit, die er nicht ist und auch niemals sein kann.

Mit dieser Einstellung geben wir unsere Eigenverantwortung ab. Und mitunter erklären wir unsere psychische Verfassung damit sogar für unlösbar.

Denn was, wenn der Therapeut, der dir da gegenübersitzt, gar nicht helfen kann oder will?

Was, wenn all seine Zertifikate, die er zur Schau stellt, nichts daran ändern, dass er so viel Empathie besitzt wie ein Stück Plastik?

Was, wenn das, was er dir bieten kann, nicht das ist, was du wirklich brauchst?

Was, wenn die Grenzen, die er sieht, ihn Wahrheit ihn selbst betreffen und nicht dich?


Durch die rosarote Brille aus Verzweiflung, mit der wir auf das Ganze blicken, können wir so weder die Unfähigkeit oder Überforderung eines einzelnen Menschen erkennen, noch die (natürlichen) Grenzen, die Psychotherapie mit sich bringt.

Schlimmer noch: Viel zu oft glauben wir, es läge an uns, wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir es uns wünschen.

Wir schieben uns selbst den schwarzen Peter zu – überzeugt, einfach nur zu faul und zu unfähig zu sein oder uns nicht genug anzustrengen.

Die schmerzhafte Wahrheit über Psychotherapie

Psychotherapie kann und wird niemals auf dieselbe Weise gelingen, wie die medizinische Behandlung deines Körpers.

Es gibt kein vorgefertigtes Schema, nach dem jeder von uns funktioniert und auch keine Tabletten, die dein Leiden automatisch verschwinden lassen, sobald du sie schluckst.

Therapie ein sehr fragiles Konstrukt.

Ein Konstrukt, dass so viel mehr Grenzen hat, und weitaus mehr braucht, als man uns erzählt.

Psychotherapie ist etwas, dass nur Erfolg haben kann, wenn der Mensch, der dir gegenübersitzt, alles dafür tut, damit du erkennst, wer du wirklich bist.

Denn der wahre Experten deines Lebens ist nicht er.

Das bist du.

Die schmerzhafte Wahrheit ist: Niemand wird kommen und dich heile machen – egal wie viele Jahre er studiert und wie viele Patienten er bereits erfolgreich auf dem Weg raus aus psychischer Krankheit begleitet hat.

Unsere Seele ist kein defekter Computer, auf den wir ein paar Upgrades aufspielen können, um dann mit einem überholten Ich 2.0 weiterleben zu können.

Den Großteil der Arbeit musst du selbst erledigen.

Und unabhängig davon, wer dich behandelt und wie viel er über die menschliche Psyche und ihre Funktionen zu wissen scheint, gibt es eine grundsätzliche Entscheidung, die du treffen musst:

Bin ich bereit, die tatsächliche Verantwortung für mein Leben zu übernehmen – oder bin ich es nicht?

Natürlich kannst du weiter auf einen Retter im weißen Kittel hoffen und dafür beten, dass er dich rettet.

Du kannst die nächsten Monate oder sogar ganze Jahrzehnte damit verbringen, auf den magischen Tag X zu warten, der vielleicht niemals kommen oder ganz anders sein wird, als du dir das vorstellst.

Oder aber du nimmst die Zügel in die Hand und tust alles, was du kannst, um zu dem besten Experten zu werden, der du sein kannst.

Ja, Therapie kann diesen Prozess unterstützen – denn eine gute Therapie ist ein hochwertiges Werkzeug, mit dem du lernst, deine eigenen Ressourcen aufzudecken und Fähigkeiten zu entwickeln, die dich stützen.

Aber auch ohne Psychotherapie kannst du jede Menge tun.

Du musst nicht warten, um Fertigkeiten zu finden, die dir helfen.

Du brauchst keinen anderen, der dir zeigt, was dir wichtig ist oder welche Bedürfnisse du hast.

Du brauchst nicht die Erlaubnis irgendeines Spezialisten, um deine Seele kennenzulernen, mit ihr zu arbeiten und für dein eigenes Leben einzustehen.

Mach dich zu deinem Verbündeten – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.

Damit wappnest du dich nämlich nicht nur für all die schweren Momente, die höchstwahrscheinlich kommen werden, du schaffst auch eine Grundlage, die dir niemand nehmen kann.

Die Grundlage dafür, dass Therapie überhaupt gelingen kann.

Weil du weißt, was du brauchst, willst und was dir guttut.

Weil du eine Ahnung von den Baustellen deines Lebens hast.

Und weil du die Worte von Experten weder auf die Goldwaage legen noch kommentarlos schlucken musst, sondern herausfinden kannst, ob der, der dir da gerade gegenüber sitzt, der ist, der dich weiterbringen kann oder eben nicht.

Nur so bist nicht (mehr) das hilflose, verzweifelte Opfer, dass auf seine Errettung wartet – und kannst Therapie als das nutzen lernen, was sie wirklich ist: ein Werkzeug, um dir selbst helfen zu lernen.

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