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    Psychisch krank: Die Angst vor dem Gesund werden

    Psychisch krank: Die Angst vor dem Gesund werden

    21Mrz

    Fünfzehn Jahre lang habe ich mit Depressionen und Ängsten gekämpft. Mein ganzes Leben bestand aus den Symptomen, mit denen sie sich ausdrückten und dem verzweifelten Versuch, sie zu unterdrücken.
    Alles, was ich zu dieser Zeit mit absoluter Gewissheit über mich selbst wusste, war, dass ich krank bin. Es war das, worum sich alles drehte. Das, was jeden Moment meines Lebens ausfüllte, Begegnungen und Erfahrungen prägte und mir in dem Wulst aus Unbeständigkeit und Anspannung einen Faden gab, an dem ich mich entlanghangeln konnte. Es war meine Routine. Meine Konstante. Alles, was ich hatte.

    Ich kämpfte gegen mich selbst und für ein lebenswertes Leben, doch die allermeiste Zeit glaubte ich nicht daran, das es tatsächlich möglich war, gesund zu werden. Dass es besser werden konnte. Weniger schmerzhaft, weniger vernichtend, weniger schwer.

    Und wenn, machte es mir Angst.

    Wenn man bereits sein halbes Leben depressiv ist, sich aus Angst in sich selbst zurückzieht und der Alltag um nichts anderes kreist, als um Therapien und Medikamente und das Bekämpfen von Symptomen, dann kann der Gedanke, gesund zu werden und damit das vertraute Leiden wirklich loszulassen, beängstigend sein.

    Denn, wer bin ich, wenn ich nicht mehr krank bin? Was ist dann denn überhaupt noch von mir übrig?

    Lange habe ich geglaubt, gesund zu werden wäre gleichbedeutend damit, mich selbst zu verlieren. Einfach nicht mehr zu wissen, wer ich bin. Ich hatte die Vorstellung ich müsste alles abzustreifen und zu jemanden werden, den ich gar nicht kannte. Und damit nicht nur das Altbekannte, sondern auch jeden Halt verlieren. Denn auch, wenn ich litt, so war es mir dieses Leiden immerhin vertraut. Ich wusste was mich erwartete. Kannte den Schmerz, die Angst, die Verzweiflung.

    Doch ich lag falsch.

    Denn ich bin noch immer dieselbe.

    Ich habe noch immer dieselben tiefen Gefühle und viele Augenblicke, in denen ich verzweifelt oder traurig bin – doch anders als früher weiß ich, dass diese Gefühle mich nicht vernichten werden.

    Ich bin noch immer ein Mensch, den schwierige Situatonen in Wanken bringen – doch anders als früher halten sie mich nicht mehr gefangen.

    Ich bin noch immer eine Frau, der etwas Schlimmes widerfahren ist- doch anders als früher lähmt es mich nicht mehr.

    Denn in Wahrheit bedeutet gesund werden, dass diese dicke Lackschicht, die dich bedeckt und am Leben hindert , Stück für Stück verschwindet. Sie blättert ab und gibt dir damit die Fähigkeit (zurück), Gefühle und Ängste zu filtern, statt sie in uns zu behalten, wo sie brodeln und gären und dein Leben vergiften.

    Gesund werden bedeutet, freilegen, was sowieso schon immer da war.

    Mit jeder Schicht, die sich löste, lernte ich mich mehr kennen. Fand heraus, wer ich ohne Depression, ohne Angststörung, ohne Trauma eigentlich war. Ich spürte, was mir Freude bereitete, was ich brauchte und auch, was ich nicht leiden konnte. Ich lernte, das mein Charakter und meine Persönlichkeit immer dagewesen sind. Bloß verstärkt oder gedämpft von der dicken Lackschicht, die mein Leben ausmachte.

    Ich begriff, dass Gesund sein bedeutet, zu spüren. Und zwar nicht nur das, was schwer ist oder wehtut.

    Sondern auch meine Träume.

    Das, was ich mir wünsche.

    Das Leben in seinen unzähligen Facetten und Farben.

    Und vor allem mich selbst.

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