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Essattacken überwinden Was tun bei seelischem Hunger? Frau starrt auf Wasser, dunkler bewölkter Himmel

Essattacken: Was tun bei seelischem Hunger?

Es gibt ihn, diesen Hunger, der nichts mit Essen zu tun hat.

Es ist ein Hunger, der sich kaum beruhigen lässt  – ganz gleich, wie voll unser Teller ist.

Also essen wir.

Wir essen, obwohl wir wissen, dass es uns nicht guttut.

Und wir finden einfach keinen Weg, damit aufzuhören.

Die Essattacken kommen einfach immer wieder.

So geht es auch Melly.

Und in der Rubrik Nachgefragt widme ich mich ihrer Frage – und damit einem seelischen Hunger, den ich selbst zu gut kenne, und über den wir doch viel zu selten sprechen.

Leserfrage:

Ich kämpfe schon seit über zehn Jahren mit Essattacken. Ich bin zu dick und weiß, dass ich abnehmen muss und nehme mir vor, disziplinierter zu sein, weil ich weiß, dass mir mein Essverhalten nicht guttut. Aber sobald es mir schlecht geht, verliere ich die Kontrolle und esse trotzdem.


Es fühlt sich an wie eine Sucht. So, als hätte ich ständig Hunger und das quält mich. Ich schäme mich dafür, besonders, weil ich es nicht schaffe gesund zu essen wie mein Arzt das von mir verlangt.


Was stimmt nicht mit mir? Wie werde ich diesen seelischen Hunger los? Und warum kann ich nicht anfangen gesund zu essen, obwohl ich es doch will? 

Melly

Meine Antwort:

Zuerst einmal möchte ich dir sagen: Mit dir ist alles richtig.

Das, was du beschreibst ist weder persönliches Versagen, noch eine Charakterschwäche oder ein Mangel an Disziplin.

Wir denken das oft, weil es sich so anfühlt, aber aus persönlicher Erfahrung kann ich dir sagen:

Essattacken erstehen nicht aus Willensschwäche.

Sie entstehen aus Not.

1. Hunger heißt nicht immer, dass wir körperliche Nahrung brauchen

Nicht jeder Hunger, den wir spüren, ist automatisch körperlich.

Es gibt Hunger, der aus den Tiefen unserer Seele kommt.

Und wenn er sich meldet, meldet sich gar nicht unser Magen, selbst wenn es sich so anfühlt.

Das, was sich tatsächlich meldet, ist ein Teil in uns, der sich nach Nähe, Sicherheit oder Beruhigung sehnt.

Oft ist das ein sehr alter Teil.

Es ist ein Teil, der gelernt hat: Wenn es mir schlecht geht, gibt es niemanden. Also tröste ich mich eben selbst.

Essen wird zu einem Ersatz für etwas, das uns früher gefehlt hat und heute eben auch oft fehlt: Aufmerksamkeit. Geborgenheit. Gesehenwerden. Emotionale Sicherheit.

Das bedeutet zu allererst: Dein Essverhalten, so falsch und schwer es sich auch anfühlt, ist nicht dein Feind.

Es war nur lange eine wichtige Strategie, um mit starken Gefühlen und unerfüllten Bedürfnissen umzugehen.

2. Druck funktioniert nicht

Mehr Disziplin, mehr Kontrolle und strengere Regeln klingen auf den ersten Blick vielleicht gut, aber wenn wir aus emotionalen Gründen essen, funktionieren all diese Dinge nicht.

Denn wenn der Ursprung unserer Essattacken gar nicht an körperlichem Hunger liegt, funktioniert pure Willenkraft nicht.

Warum?

Weil emotionales Essen kein Verhalten ist, dass wir auf Knopfdruck abstellen können.

Nichts, dem wir mit gesundem Essen oder Sport direkt entgegenwirken können.

Im Gegenteil: Seelischer Hunger ist zuallererst ein Ruf nach Zuwendung.

Und je stärker wir gegen ihn ankämpfen und je mehr wir uns dafür verurteilen, dass er da ist, desto lauter wird dieser Ruf.

3. Beobachte statt zu bewerten

Da bleibt natürlich die Frage: Was kann ich denn stattdessen tun?

Was tu ich, wenn die Essattacken mich quälen und der Arzt Druck macht und es einfach nicht funktioniert?

Als erstes: Nimm den Druck raus.

Ja, dein Arzt möchte, dass du abnimmst, und das ist aus medizinischer Sicht sicher nachvollziehbar.

Und ja, du möchtest dich gesünder fühlen und wohl in deinem Körper.

Das kann ich verstehen.

Und das geht vielen von uns so.

Aber da Druck nicht hilft, nutzt es auch nicht, ihn aufrechtzuerhalten. Das führt nur dazu, dass Scham, Stress und Selbstverurteilungen weiter wachsen.

Und damit eben auch die Essattacken.

Deshalb tritt einen Schritt zurück und starte von der anderen Seite: Dinge, die wir nicht ändern können, sollten wir zuallererst akzeptieren, wie sie sind (Radikale Akzeptanz).

Das heißt nicht, dass du deine Essattacken gutheißen oder ignorieren sollst.

Nein.

Akzeptiere den Ist-Zustand, weil du ihn gerade nicht ändern kannst und nutze ihn, um besser zu verstehen, was genau passiert.

Werde zum Erforscher und schau dir deine Essattacken genauer an.

Nutze sie, um dich, dein Essverhalten und alles, was damit zusammenhängt, besser verstehen zu lernen:

  • Wann treten die Essattacken auf?
  • Was passiert kurz davor?
  • Welche Gefühle begleiten sie?
  • Was passiert danach?

Es geht nicht darum, dich für dein Überessen zu verurteilen, sondern darum, Muster zu erkennen und aufzudecken, was für Gefühle und Gedanken deine Essattacken begleiten und welche ungestillten Bedürfnisse dahinterstecken.

Denn: Bewusstsein ist der Anfang jeder Veränderung.

4. Entdecke, was du stattdessen tun kannst

Wenn der Drang zum Essen kommt, frag dich ehrlich: Was würde mir jetzt guttun (außer zu Essen)?

Vielleicht ist das ein Spaziergang? Musik? Ein Telefonat mit einer guten Freundin? Weinen? Schreiben? Tanzen? Stille oder Natur?

Manchmal brauchen wir in Wahrheit Berührung,  Nähe oder Verbindung – nicht Essen.

Manchmal wollen wir uns ausdrücken und uns zeigen – nicht mit Essen, sondern mit unseren wahren Gedanken, Gefühlen oder Sehnsüchten.

Manchmal brauchen wir einfach nur etwas Mitgefühl. Manchmal eine Pause, Ruhe oder Schlaf.

Es gibt unzählige Dinge, die du in diesen Momenten wirklich brauchen könntest, deshalb: Entdecke sie.

Wenn du deine Essattacken gerade nicht stoppen kannst, nutze sie und finde heraus, was deinem Essdrang zugrunde liegt und schau, was diesen seelischen Hunger stillen könnte.

Probier es aus. Immer wieder. 

3. Drei Journal-Fragen, die du ausprobieren kannst

Schreiben kann ein unglaublich heilsamer Weg sein, wenn seelischer Hunger uns quält.

Nicht, um dich zu kontrollieren und Kalorien und Essensportionen festzuhalten, sondern um diesem tiefen, wahren Hunger in dir ein Ventil zu schenken.

Es geht dabei nicht um Kontrolle, sondern darum, dich selbst besser zu verstehen.

Darum, einen Ort zu haben, an dem du deine Scham, deine Wut, deine Ohnmacht und all die anderen Gefühle, die in dir schlummern, lassen kannst.

Darum, einen Platz zu haben, der nur dir gehört.

Einen, an dem du  ehrlich, aber auch mitfühlend sein kannst, wenn dein Arzt, Bekannte oder die Welt nicht versteht, was für einen Kampf du kämpfst.

Denn das du kämpfst, das lese ich in jeder deiner Zeilen.

Und ich weiß es, weil ich diesen Kampf selbst so viele Jahre kämpfen musste.

Also falls du magst, hier sind drei Journal-Fragen, die du jederzeit in deinem Journal nutzen kannst. Nach einer Essattacke, dann, wenn seelischer Hunger dich quält oder auch einfach so:


  • Was wünsche ich mir gerade wirklich / Was habe ich mir in diesem Moment wirklich gewünscht? Schreibe frei, ungefiltert und ehrlich. Schreibe nicht das, was vernünftig klingt, sondern das, was dein Inneres gerade braucht. Ist es Nähe? Ruhe? Trost? Oder etwas anderes?
  • Wenn mein inneres Kind sprechen könnte, dann würde es sagen ...  Lass diesen alten Anteil schreiben. Bewerte nicht, was entsteht, lass es einfach nur fließen.
  • Was hat mir heute gefehlt / Was fehlt mir gerade? Diese Frage bringt dich direkt zu dem Bedürfnis, dass sich hinter dem seelischen Hunger ersteckt. Sprich es aus. Und wenn du magst, überlege auf dem Papier, welche anderen Möglichkeiten es gibt, es zu stillen.

Deine Anina

Du hast ebenfalls eine Frage, von der dir die wünschst, dass ich sie beantworte?

Schick sie mir gern über dieses Formular oder schreib eine Mail an kontakt@seelenschreiberei.org.

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