Was hilft eigentlich, wenn alles zu viel wird? Darüber, welche kleinen Schritte jetzt guttun und wie wir durch schwere Momente kommen.

Wenn die Angst nicht loslässt: Was kann helfen?
Manchmal tragen wir Fragen mit uns herum, auf die wir einfach keine Antworten finden.
Manchmal wünschen wir uns einen Blick von außen auf das, was gerade in uns arbeitet.
Und manchmal brauchen wir Impulse, Ideen oder einen Punkt, an dem wir starten können.
Genau dafür ist diese Rubrik da.
Immer wieder erreichen mich Leserfragen zum Thema Journaling und dem Schreiben; zu mentaler Gesundheit und dem Umgang mit Gefühlen, Gedanken und herausfordernden Situationen.
In Nachgefragt widme ich mich diesen Fragen und teile meine Gedanken und Ideen mit dir.
Nimm dir mit, was dir guttut.
Lass hier, was schwer ist.
Und finde zwischen den Zeilen das, was du gerade brauchst.
Leserfrage:
Letzten Monat hatte ich eine sehr traumatische Erfahrung, mit der ich noch immer zu kämpfen habe. Ich habe schon vorher unter Ängsten gelitten, aber seitdem mir diese Sache passiert ist, ist es viel schlimmer geworden. Seit diesem Tag bin ich angespannt und kann kaum schlafen oder essen. Es fällt mir schwer, an etwas anderes zu denken als an das, was passiert ist. Und obwohl ich weiß, dass das Geschehene längst vorbei ist, fühlt es sich an, als wäre ich noch immer mitten drin.
Kann Journaling mit in so einer Situation helfen? Wenn ja, wie? Und gibt es noch etwas anderes, dass ich tun kann, damit meine Angst weniger wird?
Sarah
Meine Antwort:
Es tut mir unheimlich leid, dass du so etwas Belastendes erleben musstest und jetzt mit den Folgen zu kämpfen hast. Niemand sollte so etwas durchstehen und es ist einfach nur unfair, dass doch immer wieder Dinge passieren, die uns tief erschüttern und unser Leben durcheinanderwirbeln.
Das Fatale ist, dass jedes traumatische Ereignis unweigerlich Spuren hinterlässt, und das auch dann, wenn die Gefahr längst vorüber ist.
Dass deine Angst jetzt so stark ist oder dich das trotz allem so stark beschäftigt, ist deshalb auch völlig normal und kein Zeichen von Schwäche. Es zeigt bloß, dass dein Nervensystem gerade versucht, irgendwie wieder Boden unter den Füßen zu finden.
Hier kommen ein paar Dinge, die du tun kannst, um dein Nervensystem zu entlasten, mit deiner Angst umzugehen und dir selbst etwas Sicherheit zu schenken:
1. Schreibe, um zu fühlen
Nutze dein Journal als einen Ort, an dem deine Angst sein darf.
Gib ihr Raum und lass sie sagen, was sie zu sagen hat. Egal wie hässlich, beängstigend oder schrecklich es ist und ganz gleich, wie oft sich Worte wiederholen: Schreib. Am besten einmal am Tag für mindestens 20 Minuten.
Du kannst folgende Sätze nutzen, um ins Schreiben zu finden und es zu vertiefen, wenn du möchtest:
Ich fühle gerade ...
Mein Körper sagt mir gerade ...
Was ich brauche, ist ...
Schreiben hilft, das innere Chaos zu sortieren und deine Gefühle und Gedanken ein Stück weit aus deinem Körper heraus und aufs Papier zu holen.
Die Therapeutin Nicole Sachs hat einmal passend gesagt, dass wir alle eine Art emotionales Reservoir in uns tragen. Und dieses Reservoir kann nur eine gewisse Menge aushalten - ansonsten läuft es über.
Damit das nicht geschieht, hilft das Schreiben.
Weil es dafür sorgt, dass dieses Reservoir immer wieder geleert wird, und so verhindert, dass wir von dem, was wir fühlen, vollkommen überschwemmt werden.
2. Mach dir bewusst, was gerade in und mit dir passiert
Wenn uns etwas Schlimmes passiert, hängt unser Gehirn in einer Art Alarmmodus fest. Für unseren Körper ist das, was passiert ist, nämlich ganz und gar nicht vorbei. Aus diesem Grund fühlt es sich im Anschluss einer traumatischen Erfahrung auch so an, als steckten wir mittendrin.
Was das bedeutet, ist: Deine Angst ist der Ausdruck eines überlasteten Systems.
Dir diese Tatsache bewusst zu machen, ändert höchstwahrscheinlich nichts daran, dass sie da ist, aber es kann helfen, dass sie sich weniger bedrohlich anfühlt.
Und das aus einem einfachen Grund: Wenn wir verstehen, was in unserem Körper geschieht und dass das, was passiert, nicht GEGEN uns arbeitet (auch wenn es sich so anfühlt), sondern FÜR uns, weil es uns schützen will, dann entsteht Abstand zu dem, was wir fühlen.
Dann sind wir nicht mehr das Gefühl, sondern haben es.
3. Selbstmitgefühl, radikale Akzeptanz und Geduld
Du machst gerade eine schwere und herausfordernde Zeit durch. Etwas, dass dich an die Grenze deiner eigenen Kapazitäten bringt.
Deshalb: Geh behutsam und geduldig mit dir selbst um, auch wenn es schwer ist.
Vielleicht kämpfst du mit Schuld- oder Schamgefühlen. Vielleicht machst du dir Vorwürfe. Wegen dem, was passiert ist oder auch, weil du auf diese Weise darauf reagierst und es nicht schaffst, nach vorne zu sehen.
Aber: Du hast überhaupt nichts falsch gemacht! Gar nichts!
Dir ist etwas Schreckliches passiert. Etwas, dass dein Sicherheitsgefühl erschüttert und deinen Körper und deine Seele vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
Und das alles zu verarbeiten, braucht Zeit. Deine Seele und dein Körper brauchen Raum und Zeit, um sich von dem Schock zu lösen und wieder etwas Stabilität und Vertrauen aufbauen zu können.
Das Beste, was du gerade (neben dem Journaling) tun kannst, ist deshalb Folgendes:
- Sei geduldig und gib dir selbst Zeit, egal wie schwer das ist.
- Nimm dich selbst und deine Gefühle ernst, selbst wenn andere das nicht tun. Deine Angst ist nicht ohne Grund da.
- Sorge gut für dich. Tu Dinge, die dir und deinem Körper guttun. Die dir das Gefühl von Sicherheit und Halt schenken. Egal, wie unbedeutend sie auch sein mögen.
- Mache kleine Schritte und sei liebevoll zu und mit dir selbst.
Deine Anina
Du hast ebenfalls eine Frage, von der dir die wünschst, dass ich sie beantworte?
Schick sie mir gern über dieses Formular oder schreib eine Mail an kontakt@seelenschreiberei.org.
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